LESEPROBE

Das Bulli-Gefühl

Hamburg, 17. Juli 2018
Immer mehr Menschen entdecken ihre Liebe zum Campingbus. Weil er fürFreiheit steht und Abenteuer. Warum die Sehnsucht danach heute sogroß ist und wie wir beides auch ohne Bus haben können - diesenFragen ist Jocelyn de Kwant nachgegangen

Foto: James Barkman // aus dem Buch Hit The Road (Gestalten, 2018)

 

Als ich zum ersten Mal mit meiner Familie in einem VW-Bus in den Urlaub fuhr, musste ich an den Film Little Miss Sunshine denken. Alle gemeinsam unterwegs in einer alten Klapperkiste Richtung Sonne – ein echter Roadtrip. Den Bus hatten wir geliehen; es war ein restaurierter Oldtimer, ein T1 für Kenner, und unsere Route wählten wir Tag für Tag spontan. Es war ein toller Urlaub! Wir fühlten uns frei und unabhängig. Und das, obwohl schon ziemlich bald die Batterie den Geist aufgab, sodass wir nur weiterfahren konnten, wenn genügend Leute da waren, die uns anschoben. Das Gute daran war, dass wir überall begeistert verabschiedet wurden, nachdem wir genug Helfer um uns versammelt hatten. Gemeinsam einen Bus anschieben, bis er anspringt, das verbindet. Und eine solche Szene gibt es tatsächlich auch in dem Film Little Miss Sunshine. Nach diesem Urlaub war für uns klar: Irgendwann wollen wir einen eigenen Bulli haben.

 

Es dauerte noch drei Jahre, bis wir unseren Campingbus tatsächlich kauften. Als wir letztes Jahr plötzlich einen bei unseren Nachbarn in der Einfahrt sahen, erwachte unsere Sehnsucht wieder zum Leben, und danach ging alles ganz schnell. Innerhalb von zwei Wochen waren wir stolze Besitzer eines grünblauen VW T4, Baujahr 1993, mit aufklappbarem Dach für zusätzliche Schlafplätze, eingebauter Küche und vielen praktischen Schubladen und Schränken. Der T4 ist nicht so romantisch wie ein echter Oldtimer, dafür ist er günstiger und dennoch unperfekt genug für das Gefühl von Abenteuer. Unser normales Auto hatten wir gegen den Bus eingetauscht, und wenn wir jetzt jemanden mitnahmen, hörten wir oft spontan die Frage: „Und? Wohin fahren wir jetzt? Nach Paris?“ Ein Campingbus weckt sofort ein Gefühl von Freiheit: Wenn wir wollten, könnten wir. Wir haben ja alles dabei, was wir unterwegs brauchen.

 

Sehnsucht nach Freiheit

Etwa sechs von 100 Reisen sind Campingreisen, sagt Tourismusforscher und Psychologe Martin Lohmann aus Kiel. Er würde nicht von einem Trend sprechen: „Den Traum von Ferien im Campingbus gibt es schon sehr lange, in den 1960er- und 1970er-Jahren waren die Sehnsüchte der Menschen genauso groß. Heute haben wir allerdings mehr Möglichkeiten. Es geht uns wirtschaftlich gut, und deshalb sind auch die Urlaubswunschzettel länger als früher. Viele Menschen sind heute finanziell in der Lage, sich einen Bus zu kaufen oder zu mieten. Politisch können wir uns in Europa frei bewegen, das war zum Beispiel zu Zeiten der DDR anders.“ Ein Bulli ist gewissermaßen ein Symbol für Urlaub, Freiheit, Abenteuer. Ist es das, was die Menschen in seinen Bann zieht?