LESEPROBE

Das teile ich jetzt mal nicht ...

Hamburg, 17. April 2018
Wir posten Fotos von unserer Party, vom Sonnenaufgang oder dergelungenen Torte auf Instagram und Facebook - und richten damit einenGroßteil unserer Aufmerksamkeit auf unser Smartphone. JournalistinJocelyn de Kwant fragt sich, für wen wir das eigentlich tun.Illustration: Hye Jin Chung

 

Meine Kinder, sieben und neun Jahre alt, sitzen hinten im Auto und singen ausgelassen zu dem 60er-Jahre-Hit Twist And Shout. Ich denke: Wie süß, das muss ich teilen! Sobald wir geparkt haben,  filme ich sie mit dem Handy. Mein Sohn macht noch verrücktere Verrenkungen - so weit alles normal. Doch als meine Tochter sieht, dass ich sie filme, verändern sich ihr Blick und ihre Bewegungen. Bis dahin hatte sie sich mit ihrem kleinen Bruder amüsiert, doch mit einem Mal wird ihr Ausdruck irgendwie hölzerner, ja unsicher. Der Unterschied ist subtil, aber spürbar. Sie wirkt nicht mehr frei und ausgelassen. Sofort bereue ich, das Handy hervorgeholt zu haben, und ich höre auf zu filmen, aber es ist zu spät. Ich habe den Moment verdorben.

 

Diese Situation macht mich nachdenklich. Woran liegt es nur, dass ich in einem solchen Augenblick sofort nach meiner Kamera greife? Natürlich geht es mir auch darum, einen schönen Moment festzuhalten, und deshalb fotografiere oder filme ich. Aber in dieser Situation wollte ich vor allem eines: teilen, was ich mit meinen Kindern erlebt habe. Und nicht nur das: In Gedanken hatte ich mir bereits vorgestellt, wie andere darauf reagieren würden. Vielleicht weil ich die Szene selbst so niedlich fand oder weil ich an eine Nachbarin denken musste, die neulich ein ähnliches Video von ihren Kindern gepostet hatte, über das ich herzlich lachen musste. Plötzlich schämte ich mich etwas für meine Reaktion. Ich hätte weiter zuschauen und den Moment genießen können. Warum hatte ich das nicht getan? "Die meisten Leute teilen Videos und Fotos, weil sie schöne Momente wirklich gerne auch anderen nahebringen wollen", erklärt Medienpsychologe Mischa Coster. "Im Hintergrund laufen jedoch verschiedene Prozesse ab, die ebenfalls eine Rolle spielen, etwa das menschliche Bedürfnis nach Anerkennung und der Wunsch nach Bestätigung. Häufig geschieht das unbewusst, aber es beeinflusst uns."

 

Zudem, sagt Coster, sorgen die Gefällt-mir-Klicks, die man für seine Fotos und Videos erhält, jedes Mal für eine Dopaminausschüttung im Körper, die Wohlgefühl auslöst. "Erstaunlich dabei ist, dass die bloße Erwartung von Likes für eine noch größere Ausschüttung von Euphorie-Hormonen sorgt als die Likes selbst. Dadurch ist stets eine gewisse Enttäuschung vorprogrammiert."

 

Wie in Las Vegas
Menschen seien soziale Wesen und die sozialen Medien erfüllten in dieser Hinsicht ihre Bedürfnisse, sagt Coster. Darüber denken wir meist nicht weiter nach. Steigen wir jedoch voll ein, schaffen wir eine Abhängigkeit von den Herzen, Gefällt-mir-Daumen und Kommentaren: Man braucht sie, um sein Selbstwertgefühl aufzubessern, und setzt deshalb alles daran, das perfekte Foto zu machen. Vor allem junge Leute sind empfänglich dafür, aber auch Erwachsene sind dagegen keinesfalls immun.