LESEPROBE

Frei wie ein Vogel

Hamburg, 16. Januar 2018
Fester Job, Haus gekauft, viel zu tun? Immer mehr Menschen entscheidensich, anders zu leben. Journalistin Otje van der Lelij überlegt, wiesie sich wieder freier fühlen könnte. Illustration: Janet Hill

 

Manchmal träume ich von einem klei­nen Bauernhof in Umbrien. Ich würde dort auf einer blumengeschmückten Veranda sitzen und an einem Buch schreiben, während meine Kinder im Garten zwischen den Olivenbäumen und Obststräuchern spielen. Ich würde nur vormittags schreiben, weil ich mich da am besten konzentrieren kann. Auch den Rest des Tages wäre ich frei, genau das zu machen, was ich will. Mir Zeit für die Kinder zu nehmen, Klavier zu lernen, mich für eine gute Sache zu engagieren - oder einfach auch mal nichts zu tun. Und ist das nicht der beste Nähr­ boden für Kreativität, für ein bunte­res, spannenderes Leben?

 

Neulich habe ich mit einer Frau ge­sprochen, die den Traum von mehr Freiheit konsequent in die Tat um­ gesetzt hat. Vor einem Jahr kündigte Emma D’hoore ihren Job als Fahrradkurierin und brachte ihren gesamten Besitz in einen Secondhandladen. Jetzt lebt sie mit ihrem Freund Peter wie eine Nomadin. Zuerst sind sie nach Sardinien gegangen, um dort auf einer biologischen Apfelsinen­plantage zu arbeiten. Derzeit wohnen sie in Frankreich, wo sie mehrere Fe­rienhäuser verwalten. "Wir brauchen nicht unbedingt einen festen Job und ein eigenes Haus", erzählt Emma. "Für uns ist es wichtiger, freie Zeit zu haben, um zu lesen und draußen in der Natur zu sein. Dafür nehmen wir in Kauf, weniger Geld zu haben." Emma malt viel, sie backt Brot und stellt ihren eigenen Joghurt und Käse her. Außerdem betreibt sie einen Etsy­ Shop, über den sie ihre selbst gestal­teten Linolschnitt­-Karten verkauft. Während ich mit Emma skype, sitzt sie im Garten, an dem Ort, an dem sie sich am wohlsten fühlt, und ich höre im Hintergrund Grillen zirpen.

 

Ich bin ein bisschen neidisch. Nur zu gut kann ich mir vorstellen, wie herr­lich es sich anfühlt, frei wie ein Vogel zu sein. Das wirtschaftliche Korsett, in dem ich wie die meisten von uns stecke, kann ganz schön einengen. Kaum habe ich etwas Geld verdient, schon geht es für Einkäufe, Restau­rantbesuche und die Miete für unsere Wohnung wieder drauf. Egal, ob mir meine Arbeit gerade Freude bereitet oder nicht, ich muss sie machen. In meinem Umfeld erlebe ich immer häufiger, dass Menschen aus dieser Tretmühle ausbrechen. Sie entschei­den sich dafür, weniger zu arbeiten und sparsamer zu leben, und gewinnen dadurch mehr freie Zeit.