beginn

Geduld üben

Hamburg, 17. April 2018


Als Kind mochte ich die Vorstellung, dass es neben unserer Welt noch Parallelwelten gibt, in der die Uhren vielleicht ganz anders ticken. Daran habe ich gedacht, als ich vor Kurzem Dr. Karen Lloyd, Mikrobiologin an der University of Tennessee, in einem TED-Vortrag hörte. Sie sprach von kleinen Wesen, die im Schlamm auf dem Meeresgrund leben, ohne Licht und Sauerstoff. Und davon, dass diese Mini-Mikroben Hundert- tausende von Jahren alt werden können.


Wer so lange lebt, hat natürlich ein komplett anderes Verhältnis zur Zeit. Entsprechend reproduzieren sich die kleinen Teilchen nicht mal einfach so in einer Petrischale. Beziehungsweise die Forscher können oder wollen nicht so lange warten. Das kenne ich: Keine Geduld, keine Zeit haben – wie oft geht mir das auch so. Keine Zeit, mich samstags in die Sonne zu setzen und ein Buch zu lesen. Keine Geduld, Monate zu warten, bis meine kranke Schulter wieder gesund ist. Was ist nur los mit unserem Zeitgefühl? Warum hetzen wir so durch den Tag, das Leben? Warum wollen wir oft Dinge erledigen, statt sie zu erleben? Wir sparen ständig Zeit und drängeln, wenn Kinder trödelnd in der Pfütze spielen oder die alte Dame an der Kasse im Portemonnaie nach 23 Cent kramt.

Dr. Lloyd sagt, was für eine Tiefseemikrobe gefühlt ein Tag sei, könnte für uns ein paar Tausend Jahre bedeuten. Sie sagt, wir könnten so viel über das Leben auf der Erde von diesen kleinen Gestalten lernen: wie wir zum Beispiel Energie sparen und wie man im Dunklen ohne Sauerstoff existiert. Ich persönlich würde ja gerne mehr über ihre Gabe erfahren, einfach langsamer zu leben, genügsam zu sein und abzuwarten. Aber bis dazu Erkenntnisse vorliegen, braucht es wohl noch, sagt Dr. Lloyd. Vielleicht ein guter Grund, sich wirklich mal in Geduld zu üben.

 

Alles Liebe

 

 

 

                             
                                                                    sinja@flow-magazin.de

 

Immer über Flow informiert sein? Folgt uns auf Facebook (Flow Magazin), auf Twitter (@FlowMagazin) oder besucht uns bei Instagram (Flow_Magazin).