LESEPROBE

Haltung zeigen

Hamburg, 18. April 2017
Merle Wuttke fragt sich, wie man sich heute einmischen kann, um etwaszu verändern, und stellt fest: Es ist gar nicht so schwer.Illustration: Karolin Schnoor.

 

Gerade habe ich meinem Sohn das Kinderbuch Sommersprossen auf den Knien von der norwegischen Autorin Maria Parr vorgelesen. Darin geht es um die neunjährige Tonje, die in großer Freiheit und umringt von Menschen, die sie lieben, in einem Dorf an einem Fjord aufwächst. Dennoch bleibt Tonje nicht davon verschont, zu merken, dass es in der Welt Ungerechtigkeit und Verlogenheit gibt und Leute, die nur für ihren Vorteil agieren. Doch das spornt sie nur mehr an, sich für die Dinge und die Menschen einzusetzen, die ihr wichtig sind.

 

Mein Sohn und ich waren von Tonjes Unerschütterlichkeit schwer beein­druckt, und zumindest mich machte die Geschichte auch ganz schön nachdenklich. Denn sie führte mir wieder einmal vor Augen, wie dringend wir auf der ganzen Welt gerade jetzt Menschen wie Tonje brauchen. Allein Donald Trump hat in kurzer Zeit schon so vieles ins Wanken gebracht, verbreitet als Präsident der USA offensichtliche Unwahrhei­ten, treibt die Welt auseinander, statt sie zusammenzuhalten. Und auch in Europa stehen in diesem Jahr wichtige Wahlen an. In den Nieder­landen konnte man im März merken, wie sich die Stimmung selbst im bürgerlichen Lager gedreht hat, bleibt abzuwarten, was bei den Wahlen in Frankreich passiert, und in Deutsch­land geht es im September bei der Bundestagswahl auch um die Frage, wie wir uns unser Zusammenleben als Gesellschaft vorstellen.

 

Höre ich mich unter Freunden um, eint uns der Eindruck: Die Demokratie, mit der wir aufgewachsen sind - stabil, verlässlich, gerecht -, sie braucht uns gerade. Uns und unsere Stimmen. Weil wir bei uns nämlich das Glück haben, jederzeit unsere Meinung frei äußern zu dürfen. Weil wir es zum größten Teil schaffen, seit Jahrzehn­ten auf diesem Kontinent in Frieden zu leben, und weil wir alle in Europa gut und gern auf einen Menschen wie Trump verzichten können. Und so sehr einen die aktuellen Entwick­lungen in den USA auch schrecken mögen, das politische Dilemma dort hat auch etwas Gutes: Wie viele andere habe auch ich darüber einen alten Schatz wiederentdeckt - meine Freiheit. Und deren demokratisches Fundament möchte ich stärken und unterstützen. Nur wie?