LESEPROBE

Handlettering

Hamburg, 20. Januar 2015
Man sieht es immer öfter: Illustratoren zeichnen besondere Zitate inden schönsten Schriften. Und zwar nicht nur auf Blogs, sondern auchauf Schiefertafeln in Cafés. Die Designerin Lisa Congdon und andereBuchstabenliebhaber über die Kunst des Handlettering - und wie man eslernen kann.

 

Wer Blogs, Instagram und Pinterest verfolgt, hat es längst gemerkt: Das Zeichnen von Buchstaben ist sehr beliebt. Allerdings nicht so wie früher, hopphopp einen großen Buchstaben aufs Papier krakeln und ihn dann mit Strichen, Punkten oder Kreisen ausfüllen - obwohl dagegen natürlich gar nichts einzuwenden ist. Nein, immer mehr Leute zeichnen wunderschöne Buchstaben auf kunstvolle Weise.

 

Eine, die das Handlettering zweifellos populär gemacht hat, ist die amerikanische Künstlerin Lisa Congdon. Am 1. Januar 2012 startete sie ein Blog, auf dem sie 365 Tage lang täglich einen handgeschriebenen Text, ein Zitat oder manchmal auch nur einen einzelnen Buchstaben postete. Gelegentlich nach den strengen Regeln der Kalligrafie, aber auch auf Grundlage von klassischen Buchstabenformen und nach eigenen Entwürfen. Mit Pinsel und Tusche oder mit Bleistift. Wenn du Lisas Buchstaben-Blog anschaust, meinst du fast, eine Theatervorstellung auf Papier zu sehen. Ein Zitat des russischen Schriftstellers Anton Tschechow wird beispielsweise neu belebt: Lisas Handschrift gibt ihm Charakter. Du siehst und fühlst - durch die Farbauswahl, die Größe, die Form und die beigefügte Illustration -, dass der Text mit Liebe gezeichnet wurde. Und der Leser nimmt sich gern die Zeit, ein so schönes Zitat aufmerksam anzuschauen. Um die Schönheit der Buchstaben zu würdigen, aber auch die Aussage des Zitates.

Aber warum ist das Zeichnen von Buchstaben bei Illustratoren so populär? Lisa Congdon sagt: "Design und Illustration werden immer von Trends bestimmt. Handlettering ist zurzeit offenbar in. In gewisser Weise ist dies eine Reaktion auf all die Jahre, in denen wir Computerschriften verwendet haben - etwa ab Anfang der 80er-Jahre bis zum Beginn dieses Jahrhunderts. Nun zeichnen wir die Buchstaben wieder selbst, so wie früher. Außerdem: Je mehr Künstler sich mit demselben Spezialgebiet befassen, desto populärer wird es."

 

Die amerikanische Typografin Valerie McKeehan liebt das Handlettering mit Schulkreide auf Tafeln. Und die Einzigartigkeit handgeschriebener Mitteilungen: "Darin stecken Persönlichkeit und Charme. Und das erklärt, glaube ich, die Anziehungskraft handgezeichneter Buchstaben, vor allem im Vergleich zu digital generierter Schrift - die hat doch meistens etwas Langweiliges und Steriles. Was auch eine Rolle spielt: Das Zeichnen von Buchstaben hat etwas mit der wachsenden Popularität der DIY-Kultur zu tun."

 

Symbol für eine längst vergangene Zeit
Dass wir in einer Zeit leben, in der Handgefertigtes und Handwerk wieder geschätzt werden, hat in diesem Zusammenhang wirklich eine ganz wesentliche Bedeutung. Denn das Zeichnen von Buchstaben ist ein altes Handwerk. Und gelegentlich sieht man sie auch noch: Schildermaler. Wenn man beispielsweise durch eine Straße mit alten Herrenhäusern in Amsterdam radelt, kann man - wenn man Glück hat - schon mal einen Schildermaler beobachten, wie er zum Beispiel den Namen des Bewohners auf die Haustür malt. Auch große Restaurantfenster werden manchmal noch von Schildermalern beschriftet. Die Schildermalerei ist ein jahrhundertealter Beruf, der zwar durch die Verwendung von Schriftfolien fast verdrängt wurde, aber doch immer noch lebt. Die Amerikanerin Faythe Levine ist durch ganz Amerika gereist, um ein Buch und schließlich auch einen Film über diese Handwerker, die Sign Painters, zu machen. Levine ließ die Leute zu Wort kommen, die Werbeschilder oder Wegweiser noch mit der Hand malen, an Fassaden oder auf Tafeln. Auch wenn Neonreklame aus unserem Straßenbild nicht mehr wegzudenken ist - schaut man sich aufmerksam um, entdeckt man auch heute noch handgemalte Werbung. Nicht nur in den USA, sondern auf der ganzen Welt. Sie gilt inzwischen fast als Symbol für eine Zeit, in der alles noch etwas langsamer vonstatten ging.

 

Persönlich und doch universell
Die Liebe der Illustratoren zu den Buchstaben ist allerdings nichts wirklich Neues, haben sie doch fast alle eine besondere Beziehung zum Alphabet. Dies gilt auch für die Niederländerin Judith van der Giessen. Ihre schönen handgemachten Buchstaben zieren in jeder Flow-Ausgabe unser Zeitgeist-Interview. "Meine Liebe zur Typografie währt schon sehr lang. Buchstaben sind sehr persönlich und gleichzeitig universell. Sie können dich an diesen einen Namen, dieses eine Buch oder an ein inspirierendes Zitat erinnern. Eine besondere Schrift stellt für jeden einen persönlichen Wert dar", sagt Judith. Und Valerie McKeehan verliebte sich auch deswegen in das Zeichnen von Buchstaben, weil man damit nicht nur etwas Schönes, sondern auch etwas sehr Nützliches schafft. Mit den gezeichneten Buchstaben wird ja gleichzeitig auch eine Botschaft übermittelt. "Wörter haben für sich schon eine Bedeutung, und gerade dadurch, dass man einem Wort eine schöne Form gibt, unterstreicht man seine Bedeutung noch." Buchstaben sind die wichtigsten Symbole in unserer Welt, meint auch Lisa Congdon. "Jeder ist damit vertraut, und man kann buchstäblich alles damit sagen. Mit dem Zeichnen von Buchstaben etwas auszudrücken gehört zu den Aktivitäten, die ich am allermeisten schätze."

 

Das Buch Scripts. Elegant Lettering From Design’s Golden Age von Steven Heller und Louise Fili ist eine für jeden Buchstabenliebhaber schier unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Die Zeit vom 19. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war die Blütezeit der Schreibschriftbuchstaben - das waren Druckbuchstaben auf Grundlage von Schreibschrift, also keine handgeschriebenen Buchstaben. Das soll aber nicht heißen, dass du dich nicht inspirieren lassen kannst - von den Buchstaben auf alten Filmplakaten, Tintenfässchen, Farbdosen, Orangenpapieren, Puderdosen, Etiketten von Limonadeflaschen, Keksdosen, Hochzeitsanzeigen oder Butterverpackungen. Das Buch ist voll mit Beispielen, und ein Buchstabe wirkt anmutiger als der andere.

 

Die Illustratoren von heute lassen sich auch von klassischen Buchstaben inspirieren. Judith van der Giessen zum Beispiel schaut in alte (und neue) Zeitschriften und Zeitungen, sie geht in Museen, auf Flohmärkten und in Vintage-Läden auf Entdeckungstour. Für Lisa Congdon spielen Buchstaben in alten Anzeigen und auf antiken Aushängeschildern eine wichtige Rolle. Bei Valerie McKeehan kann es auch der Blumendruck auf dem Kleid aus dem Secondhandladen sein, von dem sie sich inspirieren lässt. Oder die Illustration auf einer im Vintage-Stil gestalteten Kakaodose. Wenn Valerie ein Zitat liest oder ein Gedicht hört, sieht sie manchmal sofort die Wörter vor sich - und wie sie sie zeichnen wird. "Manche Zitate schreien einfach danach, schön gestaltet zu werden."

 

Üben, Üben, Üben
Um das Handlettering zu erlernen, muss man viel üben. Nicht umsonst startete Lisa ihr Buchstaben-Blog: So konnte sie jeden Tag üben, experimentieren und ihren eigenen Stil entwickeln. Inzwischen sind gezeichnete Buchstaben ein wichtiges Element ihrer Arbeit als Illustratorin. Lisa und Valerie haben auch einen Kalligrafiekurs besucht, notwendig ist das aber nicht. Judith ist Autodidaktin: "Ich habe einfach angefangen - mit Material und Techniken, die mir gefallen haben. Kohlepapier, Kugelschreiber, Filzstift, Fineliner, Bleistift, Farbe, Tusche und Stempel. Jeder Buchstabe wird anders, wenn man mit der Hand zeichnet. Das finde ich so schön." Judith favorisiert keine bestimmte Technik, und so ist es für sie ist es jedes Mal wieder eine Herausforderung, die richtige für die betreffende Illustration zu finden. Sie nutzt das Handlettering auch als schöpferische Pause: "Wenn ich Buchstaben zeichne, bekomme ich oft neue Inspiration für andere Projekte und Aufträge." Und Lisa zeichnet immer noch regelmäßig Buchstaben: "Schon dadurch, dass ich Tagebuch schreibe, befasse ich mich täglich damit. Wenn ich mir die Zeit nehme, einen Buchstaben gut zu Papier zu bringen, bekomme ich auch sofort gute Laune."

 

Abschließende Frage: Gibt es eigentlich so etwas wie einen schwierigen Buchstaben? Oder einen leichten? Ja, gibt es. Aber das empfindet jeder anders. Lisa hat beim Zeichnen zum Beispiel immer Probleme mit dem Buchstaben Y. Ihr Favorit ist das R: "Weil es unglaublich viele Arten gibt, ein R zu zeichnen." Für Judith steht das J in der Reihe ihrer Lieblinge ganz vorn. "Weil es der Anfangsbuchstabe meines Namens ist natürlich. Aber auch deswegen, weil man diesen Buchstaben gut kombinieren kann und weil es ein langer Buchstabe ist." Problematische Buchstaben kennt Judith nicht. Bei Valerie ist das anders: "Das M erfordert beim Zeichnen eine gewisse Symmetrie - die macht mir immer etwas zu schaffen. Am liebsten zeichne ich den Großbuchstaben L. Die Möglichkeit, einem schrägen L eine Art Schnörkel zu verpassen, finde ich reizvoll." Der niederländische Typografieprofessor Gerrit Noordzij bringt die Faszination des Handlettering sehr treffend so auf den Punkt: "Ein Stift muss über das Papier schweben wie ein Segelschiff, das sachte gegen den Wind kreuzt."

 

Lesen und anschauen
tanamachistudio.com: Website der amerikanischen Schriftkünstlerin Dana Tanamachi mit vielen Videos, die sie bei der Arbeit zeigen. Besonders beeindruckend: das Video Flourish
✻ Sign Painters (Princeton Architectural Press): In diesem Buch stellen Faythe Levine und Sam Macon Menschen in ganz Amerika vor, die Werbe- und Aushängeschilder mit der Hand malen. Es gibt dazu auch eine filmische Dokumentation: siehe signpaintermovie.blogspot.de
lisacongdon.com/blog/category/365-days-of-hand-lettering/
judithvandergiessen.blogspot.nl
lilyandval.com: die Website von Valerie McKeehan
handletteringtutorial.com: Online-Handlettering-Kurse, Videos, Inspirationen, Bilder und vieles mehr sammelt die Britin Emma Holmes auf ihrer Website

 

Text: Caroline Buijs

Illustration: Valerie McKeehan