Selber machen

Kleine Tagwerke

19.11.2013, Hamburg
365-Tage-Projekte sind im Trend. Immer mehr Menschen schreiben, malen,basteln oder tun noch etwas ganz anderes - und berichten täglich imNetz darüber. Wie wär’s: Warum nicht mal ernsthaft darübernachdenken, ein kreatives Blog zu starten? So geht das Loslegen undDranbleiben.

 

Konfuzius sagte: "Auch die weiteste Reise beginnt mit dem ersten Schritt." Eine Weisheit, die uns daran erinnert, dass auch große Dinge im Kleinen beginnen, und die uns die Angst vor dem Anfangen nehmen möchte. Darin liegt auch der Charme von 365-Tage-Projekten: Jeden Tag posten kreative Menschen überall auf der Welt Bilder oder einige Wörter. Sie erzählen, was sie machen, was es ihnen bedeutet - und nach einem Jahr haben sie eine riesige Sammlung kreativer Dinge. Was man da dokumentiert, ist egal - alles ist möglich. Ein Amerikaner etwa fotografiert sich jeden Tag selbst, mit einer Serviette unter der Nase, die wie ein Schnurrbart aussieht. Also: Nur Mut, jeder kann sein Projekt so gestalten, wie er möchte. Zum Beispiel mit einem täglichen Bild des eigenen schlafenden Kindes oder mit der Zeichnung eines Gegenstandes. Nicht so sehr darüber nachdenken, wer sich für das Blog interessieren könnte, lieber überlegen, worauf man ein Jahr lang Lust hat.

 

Denn 365-Tage-Projekte sind eine tolle Möglichkeit, die eigene Kreativität wachzurütteln. Man tut jeden Tag etwas, hat aber keine allzu große Aufgabe vor sich. Doch auch viele kleine Tagesziele können zu etwas Großem führen. Die Amerikanerin Dana Beach etwa wollte schon immer eine Decke aus Häkelquadraten, sogenannten "Granny Squares" machen, fürchtete sich aber vor der großen Fläche. "Mir kam die Idee, einfach ein 365-Tage-Projekt daraus zu machen", erzählt Dana Beach. "Ich häkelte täglich einen Flicken und schrieb darüber in meinem Blog. Anfangs fürchtete ich, dass es sich wie Heimarbeit anfühlen könnte; jetzt aber, nach 100 Granny-Quadraten, ist es Teil meines Lebens geworden."

 

Ist ja schön, jeden Tag etwas für sich zu tun - aber warum soll man im Internet darüber berichten? Der amerikanische Psychologe Leonard Martin sagt dazu, dass Menschen erfolgreicher sind, wenn sie regelmäßige Rückmeldungen bekommen, die ihnen signalisieren, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Genau das wirkt auch bei 365-Tage-Projekten, bei denen man die kreativen Ergebnisse jeden Tag wachsen sehen und gleichzeitig andere daran teilhaben lassen kann. Außerdem bleibt man eher dran, wenn es Leser gibt, die das Projekt begleiten und auf den nächsten Beitrag warten. Auch professionelle Künstler kennen übrigens den Trick, jeden Tag etwas zu produzieren, um die Kreativität in Schwung zu halten. Der Künstler Henri Jacobs etwa malt jeden Tag ein Bild und ermutigt seine Kunststudenten, es ihm gleichzutun. "Es hilft einem anzufangen. Viele Künstler sitzen herum, warten auf eine Eingebung, wo doch Kunst eine Tätigkeit wie jede andere ist. Überwinde dich, und der Rest geht einfacher. Natürlich wird man Rückschläge erleiden, aber man findet so oft auch unerwartete Themen und faszinierende Ideen, kann viel lernen", sagt Jacobs. Derzeit probiert zum Beispiel die Australierin Asta Lander recht erfolgreich ein solches Malprojekt - bei Facebook kann man ihre Werke samt Kommentaren begutachten. Spaß beim Ansehen macht auch das Projekt der deutschen Fotografin Brigitte Schmidt - ihr Bild des Tages ist mal schwarz-weiß, mal makro, und immer bekommt es einen passenden Untertitel.

 

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Ein tägliches Projekt ist außerdem ein guter Weg, sich selbst aus der Reserve zu locken, ein Gegengewicht zum Alltag zu schaffen. Endlose Arbeitstage und ein gnadenloser Termindruck führten bei der amerikanischen Illustratorin Peggy Turchette zum Beispiel dazu, nur noch zu Hause zu sitzen - völlig ausgebrannt. Sie erkannte, dass sie die Freude wiederentdecken musste, die sie früher bei ihrer kreativen Arbeit empfand - so kam ihr die Idee eines 365-Vögel-Projekts. Peggy kreiert seitdem jeden Tag einen Vogel und freut sich über ihre Arbeit. Sie sagt: "Das Beste am Projekt ist, dass ich neue Stilrichtungen und Materialien ausprobieren kann. Und weil ich mir pro Vogel nur einen Tag nehme, habe ich auch meinen Perfektionismus in den Griff bekommen." Noch wichtiger aber ist für Peggy, dass sie sich selbst als einen anderen Menschen wahrnimmt. "Ich bin keine Auftragsmalerin mehr, ich bin eine fröhliche, kreative und interessante Persönlichkeit."

 

Viel Freude macht es, andere in ein 365-Tage-Projekt einzubinden. Eine solche interaktive Idee verfolgt die britische Künstlerin Kirsty Hall. In den vergangenen Jahren ging sie jeden Tag in Bristol spazieren und versteckte ein Marmeladenglas - mit einer schönen Handarbeit darin. Sie dokumentiert bis heute die Finder, die neuen Besitzer und die Gläser in ihrem Blog. Kirsty erklärt: "Erstens wollte ich täglich spazieren gehen und wusste, wenn ich es mit einem Projekt verbinde, werde ich es auch tun. Zweitens war meine Arbeit als Coach zu zeitintensiv. Ich wollte, dass Kunst in meinem Leben eine größere Rolle spielt." Mittlerweile hat Kirstys Projekt ein Eigenleben entwickelt, weltweit verfolgen Tausende ihr Blog.

 

Man kann natürlich auch bescheidener ans Werk gehen, wie die Illustratorin Gertie Jaquet - "Ein-Stempel-pro-Tag-Projekt" heißt ihre Idee. "Ich empfinde die Arbeit als entspannend. Sie bringt meine Gedanken in geordnete Bahnen", erzählt Gertie, "weil ich mich auf etwas konzentriere, das Freude macht." (Für uns hat Gertie Teekessel-Stempel designt, wer sie selber machen will: findet sie in Flow Nummer 1.) Am selben Tag wie Gertie begann Anja Brunt mit ihrem 365-Gesichter-Projekt, bei dem sie jeden Tag aus verschiedenen Materialien ein kleines Gesicht gestaltet. "Die Leute mögen sie, ich bekomme jede Menge Antworten und Tipps", meint Anja, "und ich schaffe nebenher Kunstwerke. Einmal habe ich ein bärtiges kleines Gesicht gemacht, während ich an den Polarforscher Ernest Shackleton dachte. Ich befestigte den kleinen Kopf auf einem alten Porträt in einem Buch über Polarforschungsreisen und verwandelte es in ein kleines braunes Gemälde auf Pappe. Und was ist passiert? Jemand wollte das Bild sofort kaufen."

 

Schon gemerkt? Man weiß nie, wie sich die Dinge entwickeln. Es kann sein, dass ein 365-Tage-Projekt nur uns selbst verändert - oder aber, dass ein Verleger die kleinen Tagwerke als Buch groß rausbringen möchte. Oder aus dem Projekt wird gleich ein Film. Das vielleicht bekannteste 365-Tage-Projekt ist nämlich das Julie/Julia-Projekt. Eines Tages entschied sich die New Yorkerin Julie Powell, jedes einzelne Rezept zu kochen, das die amerikanische Kochpäpstin Julia Child veröffentlicht hatte (in ihrem berühmten Kochbuch gibt es 524 Rezepte). Julies Leben war zu dieser Zeit in einer schwierige Phase, und sie hoffte, sich damit etwas aufheitern zu können. Das Blog, das sie über ihre Ergebnisse schrieb, wurde von Millionen Menschen gelesen. Schließlich wurde ein Buch daraus, und das Buch wurde ein Nora-Ephron-Film: "Julie & Julia", mit Meryl Streep in der Hauptrolle. Das alles kann passieren, wenn man ein 365-Tage-Projekt startet - wunderbar.


Die 365-Tage-Projekte dieses Artikels:

 

* Anja Brunt, 365facesproject.blogspot.com

* Gerie Jaquet, astampaday.blogspot.com

* Dana Beach, craftyminx.typepad.com/a_granny_a_day

* Henri Jacobs, www.henrijacobs.be/journaalmap.htm/journaal.htm

* Brigitte Schmidt, http://frisch-belichtet.de/blog

* Asta Lander, www.facebook.com/AstaLanders365PaintingsChallenge

* Peggy Turchette, peggyturchette.blogspot.com

* Kirsty Hall, 365jars.com

* Julie Powell, juliepowell.blogspot.com

 

Text: Caroline Buijs