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Tempo raus

Hamburg, 4. September 2018

 

Können wir bitte langsamer gehen? Das werde ich oft gefragt. Kein Wunder, ich habe mir ein ziemliches Tempo angewöhnt, um mit meinem Leben mitzuhalten. Und ich bin Meisterin darin, Wege effizient zu planen: Ich gehe nie mit leeren Händen durch die Wohnung und nehme immer zwei Treppen auf einmal. Manchmal nerve ich mich selber mit diesem Eiltempo. Aber noch mehr ärgern mich langsame Menschen, wenn ich im Geschwindigkeitsrausch bin. Sie können sich beim Bäcker nicht entscheiden, trödeln auf dem Markt. Dabei habe ich doch noch so viel zu tun... Ich schäme mich ein bisschen für dieses überhebliche Gefühl. Aber ich kann nicht recht dagegen an.

 

Neulich morgens auf dem Weg zur U-Bahn war mir wieder eine Frau im Weg. Ich wollte mich gerade etwas ruppig an ihr vorbeidrängen, da drehte sich die ältere Dame um und hatte Verbände auf beiden Augen. Wir blickten uns an, das heißt, sie blickte durch Mullbinden. Sie lächelte und bat mich, ihr zur Bahn zu helfen. Ich hakte sie unter, führte sie langsam zur Rolltreppe, fuhr mit ihr zum Bahnsteig hoch. Meine Eile musste warten. Ich fragte die Frau, wo sie hinmüsse. Zum Augenarzt. Grauer Star, OP, der Sohn müsse arbeiten, sie aber zur Nachsorge. Die Bahn kam, wir stiegen ein, setzten uns. Die Frau erzählte von ihrem Sohn, seinem wichtigen Job und dass er nie Zeit habe, ständig in Hektik sei. Sie habe Verständnis. Sein Job eben. Ein wenig fühlte ich mich ertappt.

 

Ich stieg dann vor ihr aus. Eine junge Frau musste ohnehin in die gleiche Richtung wie die ältere Dame. Die bedankte sich herzlich bei mir, ihr Gesicht strahlte mich an dabei. Langsam lief ich in Richtung Büro. In Gedanken noch immer bei der Frau. Es gibt Momente im Leben, die Zeit kosten. Manchmal ist es aber genau diese Zeit, die am besten investiert ist.

 

Alles Liebe,


 

 

 

                             
                                                                    sinja@flow-magazin.de

 

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