LESEPROBE

Unsere zweite Familie

Hamburg, 17. Oktober 2017
Freunde werden immer wichtiger für uns. Wir vertrauen uns ihnen anund finden bei ihnen Halt, wenn alles um uns herum im Wandel ist.Innige Freundschaften sind eigentlich wie eine selbst gewählteFamilie, entdeckte Journalistin Otje van der Lelij

 

 

"Ich wüsste nicht, was ich ohne meine Freundinnen täte. Ich will damit sagen: Ich habe meine Freundinnen, also bin ich", gesteht die amerikani­sche Schauspielerin Jane Fonda in einem Interview, das sie zusammen mit ihrer Freundin, der Schauspielerin Lily Tomlin, gab. "Sie machen mich stärker, klüger, mutiger. Und sie tippen mir auf die Schulter, wenn ich auf dem Holzweg bin." Ich erkenne mich in dem, was die beiden über ihre Nähe und Bindung sagen, wieder. Ich begegne sehr vielen Menschen, aber nur ab und an schafft es jemand bis in meinen innersten Kreis. Schon das beweist, wie außergewöhnlich Freundschaften sind. Es ist so ange­nehm, sich in vertrauter Gesellschaft verletzlich zeigen zu dürfen und sich nicht erklären zu müssen für das, was man denkt oder fühlt. Manchmal genügt ein Blick, und man versteht sich ohne ein Wort. Das schafft eine tiefe Verbindung. Neulich hörte ich, wie mein bester Freund jemandem erklärte, was unsere Freundschaft für ihn bedeutet. Er sagte: "Das Wort 'Freundin' deckt gar nicht die ganze Bandbreite ab. Wir sind eher wie Ver­wandte." Vielleicht hat er recht. Über­nehmen Freunde heute nicht immer mehr die Funktion der Familie?

 

Soziale Verwurzelung

 

Wolfgang Krüger würde das bestä­tigen. Der Berliner Psychotherapeut und Freundschaftsberater forscht seit mehr als 30 Jahren zur Bedeu­tung der Freundschaft und beobachtet im Moment eine Veränderung. "Wir Menschen haben zwei zentrale Themen: Unsicherheit und Einsam­keit. Beides nimmt in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zu, wir sind kon­frontiert mit Klimakatastrophen, der Flüchtlingskrise und einem politischen Wandel. Zugleich hat sich die Zahl der allein lebenden Menschen in den letzten Jahren fast verdoppelt, die Scheidungsraten steigen. Freunde bilden da ein wichtiges Auffangnetz. Durch sie erfahren wir Vertrautheit und ein Gefühl des Aufgehobenseins.“ Freundschaften sind aus Krügers Sicht das soziale Modell der Zukunft: Sie bieten Verbindlichkeit, ermögli­chen uns gleichzeitig aber Freiräume ohne die Verpflichtungen, die familiäre Beziehungen mit sich bringen.

 

Momente echten Erlebens

 

Dass Freundschaften heute eine be­sondere Stellung einnehmen, betont auch der Soziologe Hartmut Rosa.
 In schnelllebigen Zeiten sind sie aus seiner Sicht eine wertvolle Quelle 
für Resonanzerfahrungen. Das sind Momente echten Erlebens, die etwas in uns zum Schwingen bringen. Wir fühlen uns aufgehoben und getragen. "Mit Freunden gehen wir ins Konzert oder in die Berge, oder wir treffen uns mit ihnen, um zu reden. In sol­chen Kontakten sind diese wichtigen Gefühle ohnehin angelegt, während wir mit den Familienangehörigen shoppen, putzen, rechnen, planen und verhandeln müssen." Ohne Resonanz würden wir die Welt als kahl, feindlich und farblos erleben. Freundschaften schützen uns davor.