LESEPROBE

Unsicher sein ist ok

Hamburg, 5. September 2017
Dinge zu hinterfragen und gelegentlich Zweifel zu hegen hat auchVorteile. Otje van der Lelij hat festgestellt, dass Unsicherheit ihroft neue Wege eröffnet und Erkenntnisse bringt

 

Sonnenblumen, der Nachthimmel oder die Selbstporträts - mit seinem kraftvollen Stil hat Vincent van Gogh beinahe jedes Motiv zu etwas Besonderem gemacht. Doch der Maler war ein unsicherer Mensch, zweifelte an seinem künstlerischen Talent.
 Das fiel mir auf, als ich neulich eine Ausgabe seiner Briefe las. Einer davon geht an einen führenden Kunstkritiker, der van Gogh in einer wichtigen Zeitschrift für seine Linien­führung und die kräftigen Farben gelobt hatte. Statt sich über die Rückmeldung zu freuen, fühlte van Gogh sich unbehaglich. Er schrieb dem Kritiker, dass nicht er, sondern sein Freund Paul Gaugin dieses Lob verdient habe. Auch andere Zei­chen von Schmeichelei und Wert­schätzung wies van Gogh zurück. Der Zweifel war sein ständiger Begleiter.

 

Immer mit dabei

"Unsicherheit und Selbstzweifel gehören zum Menschen", erklärt der Psychologe Robert Haringsma. "Auch weil Leben grundsätzlich ein unsicherer Zustand ist. Man weiß 
nie, was der morgige Tag bringen wird. Und man kann nie voraussagen, wie andere Menschen auf einen reagieren. Ich vergleiche das Leben deshalb mit einem Pokerspiel. Ein Teil ist abhängig von eigenen Bemü­hungen, ein anderer von den Karten, die man zieht. Komplette Kontrolle gibt es nicht. Deshalb ist ein unsicheres Gefühl in gewisser Weise natür­lich." In seinem Buch Stärken Sie Ihr Selbstvertrauen betont Haringsma, dass ein gutes Selbstvertrauen nicht bedeutet, dass man niemals zweifelt. Im Gegenteil: Unsicherheit beeinflusst den Alltag von uns allen.

 

Ich selbst fühle mich jedenfalls oft ziemlich unsicher. Ich soll für ein Magazin einen Professor oder Promi­nenten interviewen? Kein Problem. Wenn ich aber auf einer Party in einer Gruppe fremder Menschen lande, fange ich an zu schwimmen. Auch beim Schreiben sind immer Zweifel da. Ständig sagt eine Stimme in mei­nem Hinterkopf: "Das müsste besser klappen. Ist das überhaupt interes­sant genug, will das irgendjemand lesen?" Ich weiß, dass ich damit nicht allein bin.