LESEPROBE

Verliebt in die Arbeit

Hamburg, 16. September 2014
Was motiviert uns eigentlich im Job? Bestimmt nicht das Gehalt. DanAriely, Psychologieprofessor an der amerikanischen Duke University,fand mithilfe von Lego-Steinen und einigen Bögen Origami-Papierheraus, was uns beim Arbeiten wirklich anspornt und beflügelt.

 

Was motiviert Sie zur Motivationsforschung?

Während meines Studiums habe ich nie über dieses Thema nachgedacht. Die Studenten und Professoren, die ich kannte, waren alle motiviert, manche sogar übermotiviert. Als ich dann anfing zu arbeiten, kam ich automatisch mit typischen Büromenschen in Berührung. Eine schockierende Erfahrung. Ich lernte Leute kennen, die überhaupt keinen Spaß an ihrer Arbeit hatten. Damals wurde mir erst bewusst, dass es Menschen gibt, deren Motivation am Arbeitsplatz gegen Null geht. Auch in anderen Branchen begegnete ich Menschen, die ihre Arbeit beinahe hassten. Ich fragte mich, was mit den Leuten eigentlich los ist: Hatten sie einfach keine interessante Aufgabe oder machten ihre Arbeitgeber etwas falsch? Natürlich gibt es Jobs, die eher unattraktiv sind, etwa bei der Müllabfuhr, obwohl man über solche Urteile natürlich auch geteilter Meinung sein kann. In den Unternehmen, mit denen ich in Kontakt kam, gab es aber wirklich fast nur Positionen und Funktionen, die im Prinzip Spaß machen könnten. Dennoch saßen dort Leute, die ihrer Arbeit nicht das Geringste abgewinnen konnten.

 

Ich begann, mir Gedanken darüber zu machen, was Menschen motiviert. Viele Leute glauben, Geld sei der wichtigste Faktor. In der Hoffnung, dass sich Mitarbeiter mehr anstrengen, gewähren Arbeitgeber deshalb Gehaltserhöhungen und Boni. In Wirklichkeit gibt es nur sehr wenige Menschen, für die Geld der wichtigste Anreiz ist.

 

Was treibt uns denn dann im Berufsleben an?
Die Herausforderung, die Arbeit für uns darstellt. Und das Gefühl, dass sie eine Bedeutung hat - für uns und für andere. Man muss stolz sein können, ein Ziel vor Augen haben. Bergsteiger sind da ein gutes Beispiel: Wenn man deren Bücher liest, geht es in der Regel vor allem um Not. Um erfrorene Finger und Zehen, übermenschliche Anstrengungen, Schneestürme und Ähnliches. Man könnte erwarten, dass diese Menschen oben am Gipfel sagen: "Das hier war ein Fehler. So was mache ich nie wieder." Sie sagen es aber nicht. Sobald sie sich etwas erholt haben, möchten sie gleich wieder einen Berg besteigen. Das kann man, glaube ich, verallgemeinern: Menschen finden es motivierend, Ziele zu erreichen, Herausforderungen anzunehmen. Und sie möchten, dass ihre Arbeit gewürdigt wird.

 

Sie haben dazu umfangreiche Untersuchungen gemacht - unter anderem Mithilfe von Legosteinen. Erzählen Sie uns bitte mehr darüber.
Wir gaben Versuchspersonen den Auftrag, für drei Dollar aus einem Lego-Bausatz einen Gegenstand zu bauen. Als die Teilnehmer fertig waren, legten wir den jeweiligen Gegenstand unter den Tisch. Anschließend sollte ein weiteres Lego-Set zusammengebaut werden, dieses Mal für 2,70 Dollar. So ging es weiter. Jedes Mal sank der Lohn um 30 Cent, bis die Teilnehmer sagten: "Für diesen Betrag mache ich es nicht mehr."

 

Bei einer zweiten Gruppe von Teilnehmern gingen wir anders vor. Wir gaben ihnen wieder den Auftrag, aus einem Lego-Set einen bestimmten Gegenstand zu bauen, aber sobald die Leute mit dem zweiten Bausatz begannen, nahmen wir den ersten Gegenstand, den sie gebaut hatten, vor ihren Augen auseinander. So ging es weiter. Während die Teilnehmer ein Lego-Teil bauten, machten wir das vorher gebaute Teil kaputt.

 

Was geschah draufhin?
Die Versuchspersonen, deren Arbeiten unter den Tisch gelegt worden waren, hielten bedeutend länger durch als die Personen, die mit ansehen mussten, wie wir ihre Arbeiten kaputt machten. Die erste Gruppe baute durchschnittlich elf Lego-Sets zusammen, die zweite Gruppe kam nur auf sieben. Und das, obwohl wir auch den Probanden der ersten Gruppe deutlich gesagt hatten, dass wir ihre Arbeiten nach dem Experiment wieder zerstören würden. Es wirkte also besonders demotivierend, dass wir die Arbeiten vor den Augen der Probanden wieder auseinandernahmen. In dem Zusammenhang machten wir noch eine andere Untersuchung. Wir gaben Versuchspersonen ein mit Buchstaben bedrucktes Blatt. Die Probanden sollten Buchstabenpaare finden. Beim ersten Auftrag boten wir drei Dollar, bei jedem folgenden Auftrag immer weniger. Wir hatten drei verschiedene Gruppen. Bei der ersten Gruppe sah sich der Versuchsleiter das bearbeitete Blatt an, sagte "Aha" und legte es auf einen Papierstoß. Bei der zweiten Gruppe legte er das Blatt beiseite, ohne es angesehen zu haben und blieb stumm. Die dritte Gruppe musste mit ansehen, wie das Blatt jeweils sofort im Papierschredder landete.

 

Und die erste Gruppe hat wahrscheinlich am längsten durchgehalten ...
Genau. Die Teilnehmer der ersten Gruppe machten mit, bis sie nur noch 15 Cent pro Auftrag erhielten. Die Gruppe mit dem Papierschredder warf das Handtuch wesentlich früher. Das war zu erwarten, oder? Aber das Interessante ist, dass die Leute, deren Arbeiten keines Blickes gewürdigt worden waren, fast genauso rasch aufhörten wie die Teilnehmer, deren Arbeiten sofort im Schredder landeten.

 

Die Experimente sind wirklich spannend, aber was beweisen sie eigentlich?
Es ist wichtig, dass Menschen das Gefühl haben: Was ich tue, wird gewürdigt. Die Arbeit eines Menschen nicht anzuschauen, ist fast so fatal, wie sie gleich in den Schredder zu stecken. Die Arbeit zu registrieren, dazu nichts weiter als einfach nur "Aha" zu sagen, bewirkt dagegen schon, dass man sich gesehen fühlt und dementsprechend länger und ausdauernder weiterarbeitet. Es ist also gar nicht so schwer, Menschen zu motivieren. Dies ist die gute Nachricht. Aber es gibt auch noch mehr Anreize. Wichtig ist, dass uns unsere Arbeit erfüllt. Dass wir stolz auf sie sein können. Und das passiert nur, wenn wir uns für unsere Arbeit anstrengen. Ein weiteres Experiment veranschaulicht das. Wir gaben Leuten im Labor buntes Origami-Papier und eine Bastelanleitung zum Falten einer Figur. Ein anderer Teil der Personen durfte nur zusehen. Als die Figuren fertig waren, sagten wir: "Die Origami-Figur, die du gefaltet hast, gehört uns, aber du kannst sie kaufen. Wie viel würdest du dafür zahlen?" Es stellte sich heraus, dass die Teilnehmer, die die Figur gefaltet hatten, fünfmal mehr bezahlt hätten als diejenigen, die nur zugeschaut hatten. Die Teilnehmer, die die Figur gefaltet hatten, fanden ihre Arbeit schön. Sie waren sogar der Meinung, dass auch anderen Personen diese Arbeit gefallen würde - was übrigens überhaupt nicht der Fall war. Dann änderten wir die Versuchsbedingungen: Die Teilnehmer mussten nun ohne Faltanleitung arbeiten. Daraufhin bewerteten sie ihre Arbeit noch ein bisschen höher. Es hatte schließlich viel Mühe und Grips gekostet, das Ding hinzukriegen. Die Teilnehmer, die nur als Zuschauer dabei gewesen waren, hatten für die aus freier Hand gebastelten Figürchen noch weniger übrig. Klar, sie sahen auch nicht besonders gut aus.

 

Wie lautet die Moral von der Geschichte?
Wenn jemand etwas selber macht, verliebt er sich in sein Werk. Das motiviert. Als Wissenschaftler erlebe ich das ständig: Ich bin von meinen Projekten einfach total begeistert, finde sie sehr wichtig und bin der Meinung, dass jeder andere sie auch interessant finden müsste. Es gibt ein arabisches Sprichwort: "Sogar die Schildkröte findet, dass ihre Kinder wie Gazellen aussehen." Mit anderen Worten: Alles, was du selbst herstellst und schaffst, ist in deinen Augen viel aufregender und schöner als in den Augen der anderen. Und das motiviert dich eben bei allem, was du tust. Es motiviert viel mehr, als es eine Gehaltserhöhung oder ein Bonus jemals tun könnte.

 

Text: Renate van der Zee

Illustration: Annelinde Tempelman/Studio 100%