LESEPROBE

Wie gut es uns tut, Rücksicht zu nehmen

Hamburg, 5. Juni 2018
Der Ton wird rauer auf der Straße, bei der Arbeit, im Internet. Christiane Würtenberger hat sich gefragt, warum das so ist und obdas auch anders geht. Illustration: Jennifer Bouron

Illustration: Jennifer Bouron

 

Die junge Frau direkt hinter mir in der Schlange an der Supermarktkasse tippt mir leicht auf die Schulter. "Da drüben macht noch eine Kasse auf", sagt sie und lächelt. Gleichzeitig stellt sie ihren Einkaufswagen ein klein wenig quer, sodass die anderen Wartenden sich nicht trauen, vorbeizustürmen. Einen Moment starre ich sie entgeistert an, weil sie mir einfach so den - berechtigten - Vortritt lässt. Dann murmele ich: "Danke, das ist aber nett." Statt des Ärgers darüber, dass ich mal wieder geträumt habe und deshalb länger anstehen musste, begleitet mich gute Laune auf dem Heimweg.

 

Allerdings nur, bis ich zu Hause in das bedröppelte Gesicht meiner Tochter schaue. Sie hat in Physik eine Sechs kassiert. Was denn passiert sei, will ich wissen. Da platzt es aus ihr heraus: Ihre Sitznachbarin Anna hatte sie während einer Klassenarbeit um Hilfe gebeten, und sie hat geantwortet, obwohl das natürlich nicht erlaubt war. Der Physiklehrer hat es gehört und ihr wegen Betrugsversuchs eine Sechs gegeben, Anna aber ist davongekommen. Als ich wissen möchte, ob die Mädchen die Sache aufklären konnten, schüttelt meine Tochter den Kopf. Anna hat geschwiegen - und sie habe nicht petzen wollen. Hinterher meinte die Freundin, es würde ja wohl keiner etwas davon haben, wenn sie auch noch eine Sechs bekommen hätte. Wahrscheinlich würde es beiden Mädchen an diesem Nachmittag besser gegangen sein, wenn Anna anders entschieden hätte. Deutlicher gesagt: wenn sie den Anstand gehabt hätte, für ihren Fehler einzustehen. Anstand – passt das hier? Das Wort klingt verstaubt und auch etwas streng in meinen Ohren, aber es kommt mir bei beiden Erlebnissen sofort in den Sinn. Vielleicht liegt das daran, dass ich gerade ein Buch von Axel Hacke gelesen habe. Es heißt Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen und hält sich seit Monaten auf der Spiegel-Bestsellerliste. Die These des Münchner Journalisten: "Es schwappt ja seit einer Weile nicht nur eine Woge von Anstandslosigkeit um die Welt, sondern ein ganzer Ozean tobt.“

 

Geht das auch anders?

Ich möchte Axel Hacke sofort recht geben, wenn ich an die Hasskommentare denke, die im Internet kursieren, an Mobbing im Klassenchat der Kinder oder an gebastelte Merkel-Galgen bei Demonstrationen. Mir fallen auch viele Alltagsszenen ein: Als meine Schwägerin neulich ihren Kinderwagen rückwärts aus der Straßenbahn schiebt und dabei einem Fremden auf den Fuß tritt, krakeelt der herum, er nehme ihre Entschuldigung sicherlich nicht an. Sein Schuh sei jetzt kaputt. Oder der anonyme Zettel auf unserer Windschutzscheibe, auf dem wir als "Vollidioten" beschimpft werden. Wenn wir weiterhin so "saublöd" parken würden, steht da, hätten wir bald eine kaputte Windschutzscheibe. Tatsächlich standen wir vor der eigenen Haustür wiederholt nicht ganz korrekt. Aber kann man uns nicht einen sachlichen Zettel schreiben und seinen Namen daruntersetzen? Oder noch besser: einfach klingeln? Einen anderen Klassiker habe ich vor ein paar Wochen erlebt: Ein Typ im Cabrio schnappt mir und meinem alten Kombi den Parkplatz vor der Nase weg, obwohl ich als Erste geblinkt habe. Auf die natürlich etwas hilflos vorgetragene Frage meinerseits, ob er das fair finde, antwortet der Mann, er sei nun mal schneller gewesen.