LESEPROBE

Wie schön es sein kann, weniger zu haben

Hamburg, 18.07.2017
Minimalistisch zu leben, das klingt erst mal nach Verzicht. Dochletztlich gewinnen wir dadurch Leichtigkeit und Freiheit, wie LinaJachmann festgestellt hat. Illustration: Jenny Bowers

 

Als Kind war ich mit meinen Eltern oft in Dänemark. Ich habe dort immer sehr genossen, dass es im Ferien­haus nur wenig gab: vier Teller, vier Tassen, vier Bestecke, zwei Töpfe, eine Pfanne. Seitdem liebe ich skan­dinavisches Design. Und schon da­mals fühlte es sich nach Klarheit und Freiheit an, nur wenige schöne Dinge um mich zu haben – und sonst viel Platz. Doch obwohl ich das nie ver­gessen habe: Im Laufe der Jahre sammelte sich in meinem Zuhause jede Menge Zeug an. Als Studentin war ich noch mit wenigen Koffern umgezogen, alles passte in ein Auto. Bei meinem letzten Umzug vor ein paar Jahren waren es schon Dutzen­de Kisten, jede Menge Möbel, Lam­pen, Bilder. Das fühlte sich nicht gut an. Zu schwer, zu behäbig.

 

Damals dachte ich häufiger an einen Satz, den mein Vater mal gesagt hat: "Wenn man nicht aufpasst, hat man alle zehn Jahre einen Meter Kleider­schrank mehr." Zum ersten Mal wuss­te ich, was er meinte. Wenn man vor sich hin lebt und einkauft, ohne dar­über nachzudenken, hortet man im­mer mehr Dinge. Ich beschloss, das zu ändern. Ich hatte ohnehin ange fangen, mich mit Minimalismus zu beschäftigen, also mit der Frage, wie ein Leben mit wenigen ausgesuchten Dingen funktionieren kann, hatte Bücher gelesen, mit Leuten gespro­chen. Ich ernährte mich auch bereits recht bewusst, kaufte nur gezielt hochwertige Lebensmittel ein statt große Mengen im Supermarkt. Es war für mich deshalb leicht, auch den nächsten Schritt zu gehen: Ich entrümpelte meine Wohnung und trennte mich konsequent von den Sachen, die für mein Leben keine Bereicherung mehr waren.

 

Neue Wege finden

Es ist erstaunlich, wie viele Men­schen sich weltweit damit beschäfti­gen, welches Verhalten wir einem kopflosen Konsum entgegensetzen könnten. Gibt man das Stichwort "Minimalismus" bei Google ein, be­kommt man über vier Millionen Tref­fer. Ratgeber rund ums Entrümpeln und Ballastabwerfen werden zu Best­sellern. Der Soziologe Harald Welzer sieht in der Kultur des bewussten Verzichts einen großen und vor allem guten Trend. "Wir haben unzählige Dinge, die wir nicht brauchen und nicht einmal mögen", sagt Welzer. Denn unsere Gesellschaft sei nach wie vor komplett auf Konsum gepolt. Es sei beinahe ein Reflex geworden, immer mehr haben zu wollen.