LESEPROBE AUS DEM FLOW MAGAZIN

Wie Urlaub den Blick verändert

Hamburg, 6. Juni 2017
Die Ferien verlaufen nicht so wie geplant? Halb so wild. CarolineBuijs hat festgestellt, dass man dadurch lernt, manches aus eineranderen Perspektive zu betrachten - auch das eigene Leben.

Fotos v.l.n.r.: @winawincringg, @essenundgut, @tingtingm5, @blaunahmlich

 

Seit ich Mitte 20 war, erlebe ich jedes Jahr im Januar ein besonderes Hochgefühl. Das ist die Zeit, in der ich mir früher stapelweise Kataloge bestellt habe und heute bei den Reise­anbietern stundenlang durchs Netz surfe. In meiner Fantasie versetze ich mich in ferne Länder, lasse mich inspirieren von den herrlichen Fotos von Palmenstränden, Reisfeldern in allen Grünschattierungen oder englischen Cottages - einschließlich niedlicher Blümchentapete. Dieses Schwelgen in Vorfreude macht mich glücklich, und es versüßt mir den Alltag, bis die Ferien endlich anfangen.

 

Dennoch habe ich in all den Jahren immer wieder erlebt, dass die so präzisen Vorstellungen von meinem Sommerurlaub auch etwas Uner­freuliches mit sich brachten: zu hohe Erwartungen. Denn reiste ich tat­sächlich einmal in eines der Länder aus einem der Kataloge, stimmten die Bilder in meinem Kopf nur sehr selten mit der Wirklichkeit überein. Am malerischen Palmenstrand lauer­ten Horden blutdürstiger Sandflöhe, und im englischen Cottage war die hübsche Blümchentapete vom Collie der Hausbesitzer abgekratzt worden. Oft war ich dann nach der Ankunft im Urlaub erst mal ein paar Tage nie­dergeschlagen. Meine Enttäuschung und Genervtheit, gepaart mit dem Gefühl, mich in diesem Jahr offen­sichtlich für den "falschen Urlaub" entschieden zu haben, hat so einige Ferien reichlich überschattet.

 

Weniger Fotos

 

Einen Urlaub gut zu planen und schon im Vorfeld ständig Fotos auf Reisepor­talen oder über Google anzuschauen scheint also nur teilweise ratsam zu sein. Ein bisschen Vorfreude können wir uns gönnen, sagen Wissenschaftler, die sich mit dem Thema Urlaub beschäftigen. Die Psychologen Leigh Thompson und Terence Mitchell von der Universität Washington etwa haben die Laune von Urlaubern er­forscht und dabei festgestellt, dass die meisten Menschen vor den Ferien besonders positiv gestimmt sind. Die Aussicht auf einige schöne Wochen beflügelt ihre Stimmung. Während der Reise selbst sinkt die Laune dann in der Regel wieder auf ein durch­schnittliches Maß - auch wenn es vor Ort keine Enttäuschungen gibt.

 

Ohne Vorfreude würden wir uns also etwas nehmen. Andererseits erzählt auch der britische Philosoph Alain de Botton in seinem Buch Kunst des Reisens, wie negativ sich bestimmte Erwartungen auf die Urlaubsfreude auswirken. Er beschreibt, wie er selbst einmal nach Barbados reiste und nichts so vorfand, wie er es sich vor­gestellt hatte: "Kein Wunder, wenn man bedenkt, welche Bilder ich im Kopf hatte. In den Wochen vor dem Urlaub hatte die ganze Insel für mich aus Fotos aus einer Broschüre bestanden.“ Bei der Ankunft erwies es sich, dass neben diesen Bildern (blauer Himmel und Palmen) noch viel mehr zur Gesamtansicht von Barbados gehörte (ein altes Benzinlager, eine endlose Warte­schlange vorm Zoll, chaotisches Gewimmel von Taxifahrern). Das be­hinderte anfangs die Sicht auf alles, was de Botton ursprünglich nach Barbados gezogen hatten. Also be­schloss er, künftig nicht zu viele Bilder vor dem Urlaub anzuschauen und sich lieber überraschen zu lassen.