LESEPROBE

Wie Veränderung uns wachsen lässt

Hamburg, 4. September 2018
Die Nachbarn ziehen weg, im Job wird schon wieder alles anders, dieWelt um uns scheint sich immer schneller zu drehen. Warum uns derstete Wandel bisweilen Angst macht und wie wir besser mit ihm umgehenkönnen - dem ist Christiane Würtenberger nachgegangen.Illustration: Miranda Sofroniou

 

Gestern haben unsere Nachbarn Thomas und Anna bei uns geklingelt, um zu erzählen, dass sie zum Ende dieses Sommers wegziehen werden. Thomas hat die Chance, für mindestens ein Jahr in den USA zu arbeiten, die Kinder können dort die Highschool besuchen und fließend Englisch lernen. Auch Anna scheint sich auf die Veränderung zu freuen. Und ich? Stehe etwas bedröppelt im Türrahmen, gratuliere natürlich, sage aber auch, dass ich das ziemlich schade finde. Was nur die halbe Wahrheit ist. Genau genommen bin ich richtig traurig. Schließlich kennen wir uns schon einige Jahre, kommen bestens miteinander klar. Wir hatten nette Gespräche am Gartenzaun, halfen uns oft gegenseitig, und ab und zu haben wir uns spontan zum Abendessen getroffen. Nie gab es ernsthaft Stress, wir hatten eine richtig gute Zeit miteinander. Himmel, stöhne ich innerlich, kann nicht mal irgendetwas eine Weile so bleiben, wie es ist? Thomas und Anna werden mir fehlen. Und fast genauso groß wie der Abschiedsschmerz ist die Sorge, wer nach ihnen kommt.

 

Ich mag Veränderungen durchaus, aber bitte nur wohldosiert und am liebsten selbst angezettelt. Wenn ich hingegen das Gefühl habe, dass etwas von außen über mich hereinbricht, dass ich sozusagen gewandelt werde, passt mir das gar nicht. Das erste Anzeichen für mein Unbehagen ist meistens ein flaues Gefühl im Magen. Dann kriecht Angst in mir hoch, und ich frage mich, warum ich nicht lässiger und freudiger mit Veränderungen umgehen kann, von denen ja niemand verschont bleibt. Und warum ich das Gefühl habe, dass die Umbrüche im Laufe des Lebens nicht weniger, sondern mehr werden.

 

Anfangen zu schwimmen

"Erwachsensein ist kein stabiler Zustand," sagt Antje Gardyan, die in Hamburg als systemische Beraterin und Autorin arbeitet. "Als wir jünger waren, haben wir uns vorgestellt, dass man irgendwann ankommt und dann alles bleibt, wie es ist. Aber stattdessen ist man auch als Erwachsener einfach weiter unterwegs." Es sei wichtig, erst einmal zu akzeptieren, dass sich Dinge schnell ändern können, und auch Gefühle der Ohnmacht zuzulassen, sagt Gardyan. Ihrer Erfahrung nach ist gerade die Lebensmitte bei vielen Menschen von radikalen Einschnitten geprägt. Manchmal merkt man gar nicht gleich, was los ist. "Man spürt nur, dass etwas nicht stimmt, etwas zu Ende geht, man ins Schwimmen gerät." Und irgendwann liegt dann die Kündigung auf dem Tisch. Oder der Partner gesteht einem, dass er sich in eine andere verliebt hat.